GROSSER HIMMEL, WEITE FELDER, GRENZENLOSE WIESEN IM GRENZLAND…

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Nachtigallen, junge Weinbergschnecken mit braunem Gehäuse, Kuckucke im Plural und eine unglaubliche Weite. Hier ist die Landschaft unvermittelt anders als bei uns, im eine halbe Autostunde nahe gelegenen Sesslach.

Exotisch anders, fast norddeutsch, aber zu meinem kontemplativen Vergnügen, nicht platt. Kühe, viele, auf grossen Weiden, sanft und wonnegrün, sehe ich im Vorbeifahren.

Mai halt, fürs Auge und die Seele gut. Raben krächzen. Große Mengen an Himmelschlüsseln,

Löwenzahn. Drei Stunden bin ich spaziert, „daheim spaziert“ , mit grosser Musse. Geschlendert. Nach Beregje Hofstede in ihrem Buch „Die Wiederentdeckung des Körpers“

Wiesen Salbei, Sträucher und Büsche kein Wunder, dass hier so viele Nachtigallen singen, Kuckucks und so weiter tirilieren als Grundton. Grenzenlose Gehölzraine säumen unendlich scheinende Felder.

Wald-Erdbeerblüten sprenkeln das Gras um den Auto-Sperre-Graben der ehemaligen Teilungsgrenze zwischen Thüringen und Bayern. Das „Grüne Band“ bleibt bestehen und seine Narben sind sichtbar.

Aber, im Mai erst recht, alle Tonarten und Schattierungen von Erd- und Frühlings-Grün streicheln hier meine Augen und geben der Seele Ruhe und Weite.

Unbeirrt schrauben sich Lerchen am helllichten Nachmittag in die weite Höhe.
Mir fällt die schöne Geschichte von einem Amerikaner in Österreich ein, der herum gefahren wurde, um die Landschaft zu betrachten. Nach dem langen Ausflug fragte er: „Und wem gehört jetzt der ganze Park hier?“

Der Park ist die „Schlechtarter Schweiz“ , eine Kulturlandschaft, die westlichste Ecke der Wanderwege der „Initiative Rodachtal e.V“. Es gibt eine sehr gute Karte, die man dort bestellen kann, mit so vielen einzelnen Tour-Vorschlägen, dass ich am liebsten sofort dafür wochenlang Ferien machen möchte!

Brauche ich aber gar nicht. Ich hab einfach Schritt für Schritt angefangen, die grosse Karte ist so gut, dass ich danach loslaufen konnte und meinen eigenen Schlenderweg genommen habe. Ohne jeden Ehrgeiz. Ca.7 Kilometer in ca. 3 Stunden, es gibt so viel zu entdecken!

Ungehemmter Blick, unvergitterte Ameisenhügel. Das Einzige, an dem mein Auge hängen bleibt, sind drei kleine Windräder weit in der Ferne, die Burg Straufhain und die Heldburg im Wechsel.

Buchen, Douglasien, ungeflecktes Lungenkraut, die Echte Sternmiere in grossen Matten,

im Giersch reckt sich Salomonsiegel, Wiesen-Salbei versteckt noch sein Blau.

Uralte Streuobstwiesen, die echten, so, wie ich sie von früher im Kopf habe, die von Schafen beweidet werden, bezaubern mich.

Ich schlendere auf feinem Pfad hindurch

und verabschiede mich mit einem Zitat aus Bregje Hofstedes Büchlein „Die Wiederentdeckung des Körpers“:

„Schlendern dient anderen Zielen als den gängigen: sein Nutzen ist teilweise unproduktiv. Was Schlendern erzeugt, ist im besten Falle unberechenbar und steht nicht immer im Dienste der vordefinierten Interessen des Menschen als Leistungsmaschine. Spazierengehen bringt manchmal unerwünschten Gewinn: Was unser Geist auf einem solchen Streifzug hervorbringt, passt nicht immer ins blaue Facebook-, Twitter-, LinkedIn-Farbschema, weil wir nicht in dieses Schema hineinpassen.

Schlendern besitzt alle Vorzüge des Unnützen und schafft außerdem einen ganz unverzichtbaren, abenteuerlichen Freiraum, in dem alles wachsen kann, was nach unserer Marktlogik nicht gedeiht: das Spielerische, die nicht gleich anwendbaren Gedanken, die Entscheidung gegen den Strom zu anzuschwimmen. Alles Dinge, die geschützt werden müssen – sogar vor den uniformierten Anteilseignern der Ich-AG.“

Mit diesen Worten von Bregje Hofstede aus ihrem auch haptisch und optisch wunderschön gemachten Büchlein verabschiede ich mich aus dem Freiraum im „Grünen Band“, um für neue Schlendereien zurückzukehren und zu erzählen.

Grüsse aus dem Grenzland!

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